Das Fundament des Clans: Warum es ohne Passion und Respekt nicht geht.

Die zweite Bekanntschaft in diesem Kapitel (nach der Schildkröte) führt uns zu einem bestens ausgewiesenen Experten für Familienunternehmen. Zu einem jungen Mann, der in den Werten des Clans ein wichtiges Potenzial für das Wirtschaftsleben von heute ortet: Frank Halter ist trotz seiner erst 31 Lebensjahre als Mitbegründer des Family Business Centers an der Universität St. Gallen einschlägig erfahren.

Halter interessiert sich aber nicht nur für Familienbetriebe per se. Er geht als Forscher und Mittelstandsberater auch jenen Werten auf den Grund, die klassischerweise im Familienbetrieb gelebt werden. Werte, die aber auch in vielen Organisationen hochgehalten werden, die keine Familienunternehmen sind.

Was Frank Halter umtreibt, wird in der Literatur inzwischen als »Familyness« beschrieben: Gemeint ist damit jener Konkurrenzvorteil, der sich aus den positiven Aspekten eines Familienbetriebs entwickeln lässt.

Fragen wir der Einfachheit halber gleich beim Fachmann nach: Herr Halter, worauf kommt es denn an, wenn von »Familyness« die Rede ist?
Wenn Sie heute drei Mal bei Ihrem Mobilfunkbetreiber anrufen, um ein Problem zu lösen, sind Sie dort höchstwahrscheinlich mit drei verschiedenen Personen konfrontiert. Jeder Person müssen Sie Ihre Geschichte von Anfang an neu erzählen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie irgendwann genervt aufgeben, ist schon sehr ausgeprägt.
Wenn Sie hingegen mit einem Unternehmen zu tun haben, das in personeller Hinsicht auf Nachhaltigkeit setzt, dann spüren Sie das ganz unmittelbar: Sie werden mit jemandem sprechen, den Sie identifizieren können. Jemand, den Sie vielleicht schon kennen. Jemand, der Sie vermutlich kennt. Sie werden also im Kontakt mit diesem Unternehmen ein Gefühl der Kontinuität empfinden. Das ist schon ein ganz wesentlicher Aspekt dieser Sache: Ein Unternehmen kann sich darum bemühen, Merkmale dieser Familyness als Wettbewerbsvorteil zu gestalten – auch dann, wenn es kein echtes Familienunternehmen ist.

Haben Sie dazu ein Beispiel aus Ihrer täglichen Praxis zur Hand?
In aller Bescheidenheit: Unser Family Business Center hier an der Universität. Diese Idee geisterte zwei Jahre lang in unseren Köpfen herum. Jetzt haben wir einfach gesagt, wir machen das. An einer herkömmlichen Universität, wo man 100 Prozent des Budgets zugewiesen bekommt, wäre das in dieser Form wohl nicht so schnell gegangen. Bei uns funktioniert es, weil wir uns mit unserem Institut für Klein- und Mittelunternehmen am Markt behaupten müssen: Von unseren 26 Stellen werden nur vier vom Kanton bezahlt. Den Rest erwirtschaften wir selber. Wir treten also nach außen hin sehr dienstleistungsorientiert auf. Wir leben intern aber ein sehr familiäres Leben: Wir ziehen also alle an einem Strick, wir sehen uns auch außerhalb der Arbeitszeiten, wir binden unsere Familien in unser Institutsleben ein. Wir halten also Werte hoch, die üblicherweise in Familienunternehmen hochgehalten werden.

Es geht also ganz einfach darum, diese Familyness zum Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. Weil dieses Familienartige beim Clan Value so wichtig ist, liefern uns die Arbeiten von Frank Halter und seinen Kollegen am St. Gallener Institut wertvolle Anregungen für den Aufbau eines Clans.

Fragen wir also noch einmal nach: Herr Halter, kann man auch ohne Familie ein Familienunternehmen aufbauen? Oder anders gefragt: Können Sie sich vorstellen, dass man diese Werte der familyness im Clan zum Wettbewerbsvorteil einsetzen kann, auch wenn keine blutsverwandte Familie dahintersteht?
Nennen wir die Sache, um die es uns hier geht, nicht Familie, sondern sprechen wir von einem familiären Zugang – ja, dann können Sie die Empathie, das Vertrauen, die Identität in ihrer familiären Organisation als besondere Dienstleistungskompetenz verpacken und anbieten. Nach genau diesem Modell sind ja viele kleine Firmen in der heute so verteufelten New Economy erfolgreich und größer geworden. Aus einem Laden wie »get abstract« – der in einem studentischen, familiären Milieu damit begonnen hat, Kurzfassungen von Büchern und Forschungsarbeiten über das Internet zu verkaufen – ist heute ein großes Unternehmen geworden, das man durchaus auch als clanartig beschreiben könnte.

Noch eine letzte Frage, Herr Halter: Sie haben ja auch ein Forschungsprojekt über Unternehmensgründer gemacht. Welche Rolle spielen die denn, wenn es darum geht, ein familiär geführtes, ein Clan-Unternehmen aufzubauen?
Die sind ganz besonders wichtig. Ohne sie würde so etwas Neues ja auch nicht entstehen. Wir haben uns ausführlich mit deren Motivation, mit deren Eigenschaften, mit deren Kompetenzen auseinander gesetzt. Wir haben uns dann auch gefragt, warum diese Leute als treibende Kraft so unersetzlich scheinen. Im Wesentlichen bleiben da zwei Faktoren übrig, die besonders interessant sind: Es reicht ja nicht, eine gute Idee zu haben. Ein Gründer muss diese Idee auch zur Umsetzung bringen. Und wie macht er das? Nun, er ist einmal als Motivator enorm wichtig: Er braucht zur Umsetzung seiner Idee ein Team und dieses Team braucht ihn als treibende Kraft. Zum zweiten geht es um – Sie verzeihen den Anglizismus, aber hier passt er – es geht um den »spirit«. Wenn ein Gründer den Drang hat, andere Leute von seiner Idee zu überzeugen; wenn er die Kraft hat, diesen »spirit« auch auf andere Leute zu übertragen, dann ist sein Unternehmen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nachhaltig erfolgreich.

Danke, Herr Halter. Damit sind wir fürs Erste genau am richtigen Punkt angelangt. Was Sie »spirit« nennen, würde ich als Passion bezeichnen:

Als ich vor bald zwanzig Jahren daran gegangen bin, mein eigenes Unternehmen zu gründen, habe ich mich recht intensiv mit meiner Familie auseinander gesetzt. Die Werte, die mir dort vermittelt worden waren, schienen mir so fundamental wichtig, dass ich sie in meinem Unternehmen verwirklicht sehen wollte.

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Fallstudie: »Heitere Heizer«
Wie kann sich ein Familienunternehmen gegen Weltkonzerne behaupten? Der Vaillant-Clan, Inhaber des gleichnamigen Heizgerätebauers, empfiehlt: Gehe mit der Zeit, schrecke nicht vor teuren Übernahmen zurück und halte zusammen wie Pech und Schwefel.
Unternehmen müssen wachsen. Und wer wachsen will, muss zusammenhalten. Diese Binsenweisheit spiegelt sich auch in der Geschichte des Heizgerätebauers Vaillant wider. Im Gegensatz zu anderen deutschen Familienunternehmern bricht die Sippe aus Remscheid aber auch mit Traditionen – falls es Not tut.
So verzichten 34 Nachkommen des Firmengründers und Kupferschmieds Johann Vaillant auch schon mal auf Dividende. Noch die nächsten fünf Jahre müssen die Clanmitglieder voraussichtlich ohne Gewinnausschüttung auskommen, weil das Geld zur Tilgung von Krediten benötigt wird. Kredite, die nötig waren, um aus dem mittelständischen Betrieb einen internationalen Player zu formen.
(Martin Scheele, in: www.manager-magazin.de, 25. 1. 2005)

Mir wurde also schnell klar, dass ich nicht nur eine Steuerberatungskanzlei gründen wollte, sondern auf der Suche nach etwas ganz Speziellem war. Ich wusste noch nicht, dass ich dieses Besondere eines Tages Clan nennen wollte. Ich war mir aber sicher, dass die Werte, um die es mir dabei ging, mit dem Wort »familiär« am ehesten zu fassen waren: Begeisterung, Passion, Enthusiasmus, Motivation, Zugehörigkeitsgefühl, Respekt, Liebe, Gemeinsamkeit, eine gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Vertrautheit, Charisma, Führung, Halt, Circle, Gesinnung, Sippe – diese Begriffe gingen mir damals durch den Kopf.
Ich wollte mich dafür entscheiden, Menschen um mich zu sammeln, mit denen ich einen langen Weg gehen wollte. Menschen, die ich zu Mitstreitern machen wollte. Menschen, zu denen ich daher auch eine sehr persönliche Beziehung entwickeln musste. Ich wollte, dass wir – diese Menschen und ich – auf eine gewisse Weise zu einer Familie zusammenwachsen. Zu einer Familie, deren gemeinsames Ziel es war, ihren Enthusiasmus, ihre Begeisterung, ihre Passion auch auf andere zu übertragen. Auf unsere Kunden zum Beispiel. Auf jene Menschen, die in den Unternehmen tätig waren, deren Dienstleistungen wir in Anspruch nehmen wollten.
Ich wollte also – ohne, dass es mir bewusst war – meinen eigenen Clan gründen.

In der Familie hatte ich gelernt, dass Zusammenhalt Stärke bedeutet. Für meine beiden Schwestern, für meine Mutter, für meinen Vater war das Zusammenhalten immer ein ganz besonderer Wert.
An der Universität hatte ich aber auch etwas gelernt: Ökonomie. Als Betriebswirtin war mir also auch klar, dass mein eigenes Unternehmen von der Gründung weg mit einem Problem belastet ist: Ich hatte kaum Kapital.

Dass man dieses Manko allenfalls durch Kreativität ausgleichen könnte, hatte ich gehört. Wie das im konkreten Fall aussehen sollte, musste ich erproben. Heute kann ich das Rezept aufschreiben: Ich habe mir klar gemacht, dass Kapital nicht alles ist. Ich habe verstanden, dass der partnerschaftliche Umgang miteinander auch ein großer Wert ist. Dass Beziehungsarbeit eine Investition ist. Dass Passion und Begeisterung Kräfte freisetzen, die in anderen Unternehmensformen teurer erkauft werden müssen. Dass Mitarbeiter, die meine Vision teilen, meinem Unternehmen mitunter mehr Kräfte zuführen, als dies eine Finanzspritze je tun könnte.
Ich habe auf diesem Weg – das weiß ich heute erst – den wichtigsten Grundsatz zur Clan-Gründung entdeckt: Meine Passion und mein Respekt den anderen gegenüber wirkten ansteckend. So sehr, dass aus der kleinen Steuerberatungskanzlei, die ich 1988 mit zwei Mitarbeitern auf eineinhalb Stellen gegründet habe, heute der Heller-Clan geworden ist:
Drei Dutzend Menschen, die einander achten, die an einem Strang ziehen, die begeistert und immer noch weiter begeisterungsfähig sind.
Drei Dutzend Menschen, die Tag für Tag mit mir gemeinsam am Clan arbeiten. Die Tag für Tag mit mir den Clan Value erhöhen.
Drei Dutzend Menschen, die in der Burg des Heller-Clans ihre Heimat gefunden haben.

Zettelkasten
»Erforschen Sie die Heimat der Clans«
Schottland war zu den meisten Zeiten eine arme Nation; doch sein Volk, zu Notzeiten geboren und aufgewachsen, stellte seine Unverwüstlichkeit und seinen Unternehmergeist unter Beweis. Schottische Namen tauchen in aller Herren Länder auf, oft im Zusammenhang mit geschäftstüchtigen und abenteuerlustigen Unterfangen: Robert Falcon Scott (Polarforscher), Neil Armstrong (der erste Mann auf dem Mond) und Rupert Murdoch (Medienmogul), um nur einige wenige zu nennen.
Viele Schotten, die nach Übersee ausgewandert sind und dort gut und erfolgreich leben, kehren gerne ins Land ihrer Vorväter zurück. Sie möchten mehr über ihre eigene Geschichte erfahren – wo ihre Familie oder ihr Clan lebte und was für Menschen sie waren (meist plündernde Grobiane, die mit einem anderen Clan in Fehde lagen – aber dies nur am Rande!). Natürlich hat sich Schottland drastisch geändert und auf den Ländereien, auf denen sich unsere Vorväter mühsam durchschlugen, liegt jetzt vielleicht ein Flughafen. Aber es gibt immer noch Brücken zur Vergangenheit: Clan-Burgen oder so genannte »Tower Houses« (Turmhäuser), in denen angesehene Familien und Clans im 15., 16. und 17. Jahrhundert lebten. Mit etwas Glück ist die Clan-Burg, für die Sie sich interessieren, nicht nur gut erhalten, sondern auch für den Publikumsverkehr geöffnet (beispielsweise die Clan-Sitze der MacLeods, Campbells, McMillans, Brodies, Sutherlands und Leslies).
Besuchen Sie die Ländereien der schottischen Clans: Wir werden Ihnen die Geschichte des Clans, für den Sie sich interessieren, nahe bringen. Wenn möglich, werden Sie in einem Gebäude schlafen, das mit Ihrem Clan in Zusammenhang steht. Im Idealfall handelt es sich dabei um eine Burg und in außergewöhnlichen Fällen auch um die Burg des Clan-Oberhauptes. Wenn dies nicht möglich sein sollte, können wir oft eine bescheidenere Unterkunft für Sie finden, die dennoch von geschichtlicher Bedeutung ist – vielleicht ein Haus, das von einem jüngeren Clan-Sohn oder als Mitgift gebaut wurde.
(Alastair Cunningham, Gründer und Chef von Scottish Clans and Castles Ltd., in: www.clansandcastles.com)