Die Allgegenwärtigkeit des Clans: Über Adriano Celentano, Jim Jarmusch und die Brüder aus Bayern.

Wer einmal auf der Fährte ist, kann sich kaum noch losreißen. Mich hält der Clan in seinem Bann, seit ich angefangen habe, dieses Buch zu schreiben.

Sobald ich ein Kinoprogramm sehe, suche ich nach einschlägigen Hinweisen. Wenn ich eine Buchhandlung betrete, will ich Clan-Bücher. Höre ich Musik, finde ich Clans.

Meine Freunde haben ihr Radar entsprechend eingestellt, und auch der Clan versorgt mich mit zweckdienlichen Hinweisen. Kein Wunder also, dass mein Verhältnis zum Internet-Versandhandel im Allgemeinen und zu Amazon im Speziellen immer enger wird.
Nie zuvor habe ich so viel vom Clan gehört. In der Musik zum Beispiel. Ein Mix aus München und Gambia gefällig?
Bitte schön, hier meine Empfehlung: Jobarteh Kunda. Eine nur scheinbar wild zusammengewürftelte Truppe vermittelt Lebensfreude pur. Der Chef der Band, Tormenta Jobarteh, hieß im früheren Leben Werner Sturm. Dann hat er sich in Gambia zum »Griot«, zum Geschichtenerzähler, ausbilden und in die einschlägig berühmte Familie Jobarteh adoptieren lassen. Seither macht er mit seiner eigenen Kunda – was übrigens exakt mit Clan übersetzt wird – Weltmusik, also Musik vom Feinsten.

Oder, weil wir schon in Bayern sind, ein anderer, ganz anders zusammengesetzter Kultur-Clan: Die »Biermösl Blosn« rund um die Brüder Well. Dazu das Musikkabarett ihrer ebenso respektlosen Schwestern Vroni, Burgi und Moni – die »Wellküren«. Sie alle gehören zum legendären und längst über Deutschland hinaus bekannten Volksmusikanten-Clan Well aus Günzelhofen in Bayern. (Im Bayrischen meint der Begriff Wellness daher jenen Geisteszustand, in den das Publikum der Familie Well bei einem ihrer Auftritte versetzt wird.)

Und schließlich die Großmeister der Weltmusik-Verwurschtung: G. Rag y los Hermanos Patchekos. Über Alois Schmelz, den Trompeter dieser schätzungsweise zwölfköpfigen Kapelle, sagt man, dass er eigentlich »Miles Davis von Niederbayern« genannt werden sollte; stattdessen bewundern ihn seine Freunde als »die Sau« – weil sie immer weinen müssen, wenn er spielt. (»Die Sau« ist übrigens auch ein gängiger Ausdruck unter Musikern ganz allgemein. Damit zollen sie einem anderen Musiker hohen Respekt. Als Künstlerseelen ertragen sie es jedoch kaum, dass jemand besser spielt als sie und der das zu allem Überfluss auch noch vor Publikum demonstriert und damit die anderen zurücksetzt. Die Sau. Deshalb können die anderen ihren Respekt nicht mehr offen zeigen, sondern müssen den Kontrahenten – wenn auch mit einem Augenzwinkern – »niedermachen«. Da Musiker permanent versuchen, sich gegenseitig zu beeindrucken, ist »die Sau« also so etwas wie ein Ritterschlag, und gleichzeitig wahrt jeder sein Gesicht.)

Und fürwahr: diese Mischung aus bayrischem und Latino-Sound geht ans Herz und rührt auch solche, die der deftige Sprachgebrauch aufs Erste irritiert. Zum Clan dieser Hermanos gehören neben einem halben Dutzend anderer Bands vor allem die Plattenfirma und der Vertrieb der Brüder: »Gutfeeling – Freunde selbst gemachter Unterhaltung«.

Das Gemeinsame dieser auf den ersten Blick so verschiedenen Clans? Vielleicht finden wir ein Stück davon, wenn wir diesen Unterschieden auf den Grund gehen:
Der Jobarteh Kunda liegt statt einer Blutsverwandtschaft ein Adoptionsverhältnis zugrunde. Eine gambische Musiker-
familie hat einen Deutschen adoptiert, der darüber erst den Wert des Clans kennen- und schätzen gelernt hat. Und schließlich seinen eigenen Clan, seine eigene Kunda gegründet hat.
Bei den Wells hingegen sind alle miteinander verwandt: Hans Well ist zwar der Chef der Drei-Brüder-Truppe »Biermösl Blosn«, aber auch die Geschwister bringen kräftig Dampf in den Clan. In leitender Funktion aber steht seit eh und je Traudl Well, die 86-jährige Mutter der insgesamt 15 Kinder.

Und schließlich die Hermanos Patchekos. Sie sind ein nach und nach gewachsener Freundes-Clan. Gründer Andreas Stae-bler hat sich zwar als »Oberbruder« etabliert. Aber verwandt ist hier jeder mit jedem, und zwar im Geiste.

Die Lehre daraus: Blutsverwandtschaft ist keine Vorraussetzung für das Funktionieren des Clans. Natürlich sind die jeweiligen Verwandtschaftsverhältnisse für jeden einzelnen Clan prägend und somit von äußerster Wichtigkeit. Das Grundsätzliche des Clan Value aber berühren sie, wie diese Beispiele zeigen, nicht: Der Clan kann eben genau auch dort Sicherheit und Zusammenhalt schaffen, wo die eigentliche Familie – aus welchen Gründen auch immer – nicht präsent ist.

Und noch etwas: Ganz offenkundig sind wir mit dem Clan Value auch einem Trend auf der Spur. Ob in Bayern oder anderswo: Immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass bei der Verwirklichung ihrer Träume der Clan mehr helfen kann als irgendjemand sonst. Und genau das macht diese Kultur-Clans auch stark: ein unerschütterlicher Glaube an das gemeinsame Projekt.
Für diesen Glauben an die Kraft des Clans finden wir selbstverständlich auch in anderen Bereichen prominente Beispiele. Im Film ist Jim Jarmusch eines der herausragendsten: Seine Unabhängigkeit bei Kinoproduktionen hat sich der New Yorker Filmemacher mit dem Aufbau eines weltumspannenden Clans gesichert. Im Lauf der Jahrzehnte hat er diesen mit selbstbewusster Eigenständigkeit so gut etabliert, dass Hollywood bis heute vergeblich bei ihm anklopft. Jarmusch macht, was er macht. Und dabei hilft ihm sein Clan.

Eines seiner jüngsten Produkte seiner Clan-zentrierten Arbeitsweise: »Coffee and Cigarettes«. Jahrelang hat der weißköpfige Jarmusch die Szenen für diesen Film gesammelt. Und hat damit – ganz nebenher – ein eindrucksvolles Dokument des Clan-Zusammenhalts geschaffen: Wann immer Jarmusch einen Film drehte, bat er einzelne Clan-Mitglieder noch für eine kleine Extra-Szene vor die Kamera. Eindrucksvoller kann man wohl kaum zeigen, wie viel Witz, Kraft und Anarchie sich in einem Clan versammeln können. Zwei Dutzend von Jarmuschs engsten Künstlerfreunden sind in »Coffee and Cigarettes« als Schauspieler dabei – große Namen, von Roberto Benigni über Steve Buscemi bis zu Iggy Pop und Tom Waits.

Dass auch RZA und GZA vom Wu-Tang Clan bei Jarmusch auftreten, zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der so unterschiedliche Clans wie diese beiden immer wieder gemeinsame Anknüpfungspunkte finden: RZA war schon als Schauspieler und Musiker dabei, als Jarmusch mit seinem Film »Ghost Dog« das Hagakure – das Regelwerk eines Samurai-Clans – ins Kino brachte. Bei »Coffee and Cigarettes« tauchen die Wu-Tangs nun in einer wunderbar absurden Kaffeehaus-Szene mit Bill Murray (»Drei Engel für Charlie« und »Lost in Translation«) auf: Die beiden Rapper wollen den Schauspieler von den Kräften der Homöopathie überzeugen. Dass sie durch die gemeinsame Arbeit an dieser Szene einmal mehr auch die Kräfte des Clans preisen, ist eine geradezu logische Konsequenz aus dieser immer wieder Grenzen überschreitenden Kooperation.
Wir sehen also: Das Modell der Clans ist weiter verbreitet denn je. Es gibt sie wirklich überall. Man muss nur ein bisschen genauer hinschauen. Und schon zeigen Beispiele zuhauf: Allein geht nichts, im Clan geht alles.

Wussten Sie, dass Adriano Celentano im Clan arbeitet? Celentanos Status, schrieb die Schweizer Weltwoche jüngst über den immer erfolgreicher arbeitenden 67-jährigen Megastar, »gründet darin, dass er in einem Italien der mafiosen Verstrickungen mehr als 45 Jahre lang unabhängig blieb. Celentano ist sein eigenes System, führt die eigene Plattenfirma ›Clan Celentano‹ eisern, ließ sich nie etwas vorschreiben.« (Weltwoche Nr. 43/05, S. 17) Die Werte, auf die dieses System Celentano baut, präsentiert die Website (www.clancelentano.it) gleich zum Einstieg: Rebellion, Friede, Ökologie, Vernetzung.

Zettelkasten
Der Celentano-Clan
Von der Erfahrung mit den Künstler-Werkstätten war Adriano immer schon sehr angetan. Und so schuf er sich – wie Andy Warhol mit seiner Factory und Frank Sinatra mit seinem Rat Pack (Dean Martin, Sammy Davis Jr.) – seinen eigenen Clan. Der setzt bis heute auf die Kreativität einer Gemeinschaft von geistesverwandten Künstlern, die sich allesamt einem Alternativ-Modell der kulturellen Produktion verpflichtet fühlen. Selbst im Zusammentreffen mit der mächtigen industriellen Verwertungskette bleibt der Künstler dabei so unabhängig wie Clint Eastwood. Dieser produziert seine Filme unter dem Label von Malpaso, einer unabhängigen Insel inmitten der immensen Warner Bros. Studios. Er arbeitet auf allen Ebenen des künstlerischen Prozesses nur mit seinen Freunden, ohne sich dem Diktat der Kinokassen beugen zu müssen. Er würde sich nie abhängig machen lassen. Er bleibt unkonventionell.
Von Anfang an bis zu diesem Tag war das auch Celentanos Zugang zu seinen Platten, seinen Filmen und seinen Fernsehprogrammen, die allesamt an die Spitzen der Charts vorgedrungen sind.
(www.clancelentano.it/xeng/)

Noch etwas lässt sich aus diesen Clan-Beispielen herauslesen: Zum Wachsen benötigt der Clan – von der Gründung bis hin zum etablierten Erfolg – neben einer starken Führungspersönlichkeit vor allem auch deren Passion: Ob Eastwood, Celentano oder »Oberbruder« Andreas Staebler von der Weltmusik-Gruppe Hermanos Patchekos – sie alle nutzen ihre Macht im Clan zuerst als positives Vorbild. Sie führen, sie motivieren, sie entzünden Leidenschaft, sie schaffen Respekt.