Zoff! Die Kehrseite der Medaille.

»Die Einheit des Clans ist eine rechtliche Fiktion, insofern sie theoretisch eine absolute Subordinierung aller anderen Interessen und Bindungen unter die Forderungen der Clan-Solidarität verlangt, während in Wirklichkeit gegen diese Solidarität beständig gesündigt wird. Andererseits beherrscht zu gewissen Zeiten, vor allem in den zeremoniellen Phasen des Eingeborenenlebens, die Clan-Einheit alles; und in Fällen öffentlicher Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten ist sie stärker als persönliche Bedenken und Schwächen.«
(Bronislaw Malinowski: Sitte und Verbrechen bei den Naturvölkern, Baden-Baden, 1949)

Die Konflikte im Clan: Über Kritik und Krise, Angst und Hoffnung.

Der Clan kennt alles, was das richtige Leben auch sonst bereithält: Neid, Feinde, Manipulation. Ärger, Zorn, Zoff. Kritik und Krise. Angst. Aber eben auch Hoffnung. Weil Sie all das ohnehin erwartet haben, werde ich mich hier besonders kurz halten. Mit ein paar Hinweisen nur will ich Sie vorbereiten – vielleicht finden Sie darunter ja die eine oder andere Anregung, die Ihr Clan-Leben leichter macht.

Nun, denn: Nicht immer läuft alles im Clan zum Besten. Wenn Erwartungen in den Wandel gesetzt werden, wenn neue Ziele erreicht werden sollen und Veränderung angesagt ist, dann geht es manchen eben viel zu langsam, während den anderen das neue Tempo zu schaffen macht. Unruhe entsteht. Tratsch ist kaum zu vermeiden. Unsicherheit führt zu absurden Spekulationen.

Auch wenn die interne Kommunikation in solchen Situationen ein wichtiges Hilfsmittel ist, oft spielt der Bauch dabei nicht mit. Denn das, was uns emotional bewegt, Unsicherheit, Furcht vor dem Neuen, Beklemmung und Versagensängste – all das lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Da gehören Einfühlungsvermögen, Mut, eine positive Einstellung und Toleranz dazu. Und selbst das bringt uns oft nicht weiter.

Der Clan-Chef will Veränderungen anstoßen, ist dabei womöglich selbst noch ein bisschen unsicher. Er oder sie will in neue Sphären vordringen, eine neue Vision verfolgen, den Clan weiterentwickeln. Solche Zeiten des Umbruchs gehen selten ohne Schmerzen ab, denn nicht nur das Team leidet, auch dem Clan-Chef macht die neue Last zu schaffen. »Gelebtes Changemanagement« werden solche Prozesse im Slang der Unternehmensberater heute euphemistisch genannt.

Unruhe macht sich breit. Wieso brauchen wir diese Veränderung? Worte des Widerstands sind zu hören. Ablehnung wird formuliert. Da bin ich nicht dabei! Ohne mich! Nachdem der erste Schock überwunden ist, setzt oft eine rationalere Akzeptanzphase ein. Man versucht es, experimentiert, fällt auf die Nase. Rückschläge tun weh. Sie behindern den Clan in der Entwicklung. Wir haben es ja probiert, heißt es bald, aber es lässt sich beim besten Willen nicht umsetzen.

Jetzt sind wir am entscheidenden Punkt: Wenn es Ihnen gelingt, den Clan nicht nur rational, sondern vor allem auch auf der Gefühlsebene zu überzeugen, wenn emotionale Akzeptanz erreicht wird, dann führt diese zu wieder neuen Versuchen und zu einem noch ernsthafteren Anstreben der Visionen.

Emotionale Akzeptanz: Das ist das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang und einer der Lieblingsbegriffe von Brigitte Ziemendorf. Sie berät Unternehmen und ist auf deren Veränderungsprozesse spezialisiert; als Netzwerkpartnerin hilft sie dem Heller-Clan in diffizilen Situationen weiter. Sie hat in ihrer langjährigen Beratungspraxis erfahren, dass Konflikte nicht gelöst werden können, wenn der Wandel emotional noch nicht nachvollzogen und angenommen wurde.

Ein kleiner Trick aus ihrer Schatzkiste: Wirtschaftliche Argumente für einen Veränderungsprozess können mit der »brennenden Plattform« inszeniert werden: Erst wenn der Steg, auf dem wir alle stehen, Feuer gefangen hat, erst wenn die Flammen lodern, erst dann wagen die Clan-Mitglieder den Sprung ins kalte Wasser.

Während und nach dem Sprung sind Klarheit und Kommunikation sowie das Einbinden der Beteiligten die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Was die emotionale Akzeptanz betrifft, sagt Ziemendorf: »Strategische Führungskompetenz ist der Schlüssel bei solchen Veränderungsprozessen. Erforderlich sind Mut und Konsequenz, damit emotionale Blockaden und Widerstände zeitnah und aktiv aufgearbeitet werden. Auch hierfür gilt die Kommunikationsregel: Wer fragt, der führt und steuert!«

Also: Gerade in Zeiten des Wandels bedarf das Führen eines sensiblen Zugangs zu den Menschen. Zuerst müssen Sie deren Bauch überzeugen, dann wird der Kopf schon nachziehen.

Zettelkasten
Unser Huggels
Eine wichtige Rolle in potenziellen Konfliktsituationen nimmt unser Huggels ein. Das ist ein kleiner brauner Stoffbär, der bei unseren internen Meetings am Kopfende des Besprechungstisches sitzt. Er hat die Funktion des Katalysators, indem er direkt und ohne Umschweife seine Unzufriedenheit mit dem Projektfortschritt ausspricht. Er tadelt und lobt, gibt Ratschläge und Tipps. Ihm nehmen es die Clanmitglieder nicht übel, wenn er gelegentlich ein wenig grimmig ist. Dadurch kommen wir ja schneller auf den Punkt.
Unser treuherzig blickendes Bärchen steht für jeden im Raum zur Verfügung: Wer Kritik oder Unzufriedenheit weniger verletzend formulieren will, spricht durch Huggels. Wer etwas anregen, aber den Ärger nicht auf seine eigene Person konzentrieren will, überlässt Huggels den schwierigen Part. Er oder sie selbst borgt dem Bären nur die Stimme. So können Lob oder Mahnungen auf der Gefühlsebene leichter angenommen werden. Schließlich ist Huggels ja ein wirklich süßer Kerl.
Wie Huggels zu uns kam? Diese Geschichte ist mittlerweile Teil der Clanlegende: Nico, der damals siebenjährige Sohn meines Geschäftspartners Daniel Nufer, brachte den Brummbären ins Spiel. Beim Erlernen der englischen und der arabischen Sprache in seiner Schule in Dubai wurde den Kindern empfohlen, ein Kuscheltier für die virtuelle Kommunikation auszuwählen. Nico entschied sich für den kleinen braunen Bären und nannte ihn Huggels. Der kann ihm alles sagen – Positives und Negatives. Von Huggels kann Nico alles annehmen.
Und jetzt hilft Huggels eben uns: Das Verbalisieren von Unzufriedenheiten und Kritik an einen Dritten zu delegieren, dem man nicht böse sein kann – das trägt bei uns zur emotionalen Akzeptanz in Veränderungsprozessen bei.

Die Wertewelt im Clan ist eine gute Richtschnur, wenn es einmal kriselt. Die Ursachen für Konflikte im inneren Kreis des Clans und auch an deren Peripherie können vielfältig sein: Missverständnisse in Folge unklarer Kommunikation, Kränkungen, verletzte Gefühle, enttäuschte Vorstellungen, aber auch Neid, Ablehnung, Hass.
Nach meiner Beobachtung haben allerdings viele dieser Konflikte ihren Ursprung in der Angst. Daher die Grundmaxime meines Clans: keine Angst!

Angst ist uns allen vertraut. Wir leben mit ihr. Angst beherrscht uns mitunter, beschränkt unseren Handlungsspielraum. Ist es da verwunderlich, dass wir Angstfreiheit als einen anzustrebenden Idealzustand verstehen? Da wir als stark, souverän, unverletzlich gelten wollen, versuchen wir, dieses bedrohliche Gefühl zu verhüllen: Wir sind gestresst, irritiert, angespannt, nervös, gereizt. Nur die Angst nicht zeigen – das ist nicht cool, das ist gegen den Zeitgeist.
Eine leise, leichte Furcht kann positiven Stress erzeugen und durchaus die Konzentration erhöhen. Wenn sie jedoch in Angst umschlägt und sich verselbstständigt, führt sie zu Blockaden, zum Verlust von Sicherheit, Selbstvertrauen und Kontrolle. Unsere Souveränität gerät ins Wanken. Wir reagieren – mit Gegenwehr.
Wie werden wir mit der Angst fertig? Wenn wir mit Distanzierung und Rationalisierung reagieren, appellieren wir in einem inneren Dialog an unsere Vernunft und schaffen dadurch Abstand zur Angstquelle. Aber Ratio und Gefühl lassen sich nicht immer miteinander verlinken. Solcherart rationalisierte Angst kann immer wieder kommen.
Projektion ist ebenfalls eine beliebte Abwehrstrategie: Wir suchen eine externe Ursache unserer Angst und projizieren sie auf einen anderen Menschen, von dem wir annehmen, er wolle uns Schlechtes.
Auch die Abwertung des anderen ist eine oft gebrauchte Methode: Wir fürchten Kritik, halten sie für vernichtend, ruinös, beschämend. Daher der Schritt nach vorne: Wir entwerten vorbeugend den potenziellen Kritiker, werfen ihm Inkompetenz, Subjektivität oder Unfähigkeit vor. Wir desavouieren ihn, um seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. Solche Abwertung löst beim anderen Gegenwehr aus und führt zur Eskalation.

Was ist nun die Aufgabe jedes Clan-Mitglieds? Es lohnt sich, den Mechanismus der Herabwürdigung zu durchschauen und herauszufinden, worauf die eigenen Diffamierungsstrategien beruhen. Wenn nämlich die Angst unreflektiert bleibt, brechen sich negative und zerstörerische Energien Bahn. Setzt man sich mit der Angst jedoch auseinander, besteht immer auch die Chance, sie in positive Dynamik umzuwandeln.

Dieser Energietauscheffekt funktioniert, weil im Gefühl der Angst noch andere Gefühle mitschwingen. Mut und Zuversicht zum Beispiel. Und die Hoffnung, hat der Philosoph Ernst Bloch dazu bemerkt, ersäuft die Angst.

Dem Clan kommt hier eine wichtige Bedeutung zu. Durch ihn können die Kräfte der vielen Einzelnen gebündelt und ganz neue Potenziale freigesetzt werden. Ebenso kann Angst durch die Unerschrockenheit, den Optimismus, das Vertrauen und die Zuwendung der anderen Clan-Mitglieder neutralisiert werden.

Wesentliche Voraussetzung ist die aktive Auseinandersetzung mit der Angst, das Hineinspüren in den Clan, zu jedem Clan-Mitglied und das Orten der Angstquellen.

Also: Lokalisieren Sie die Angst. Sprechen Sie die Ursachen an. Und bewältigen Sie die Situation durch den Mut, durch die Hoffnung, durch den Zusammenhalt im Clan. So steht dem Energietauscheffekt und neuen Kräften nichts mehr im Weg.